Objekt des Monats

Stadtansicht um 1900. Fotografie schwarz-weiß
Stadtansicht um 1900. Fotografie schwarz-weiß

Ein Bild erzählt Fotografie- und Architekturgeschichte

Historische Fotografien gehören zu den besonders beliebten Sammlungsobjekten von kulturhistorischen Museen. Zum einen lassen sie sich relativ leicht und platzsparend archivieren und zum anderen kann das Dargestellte, oft ohne große Erklärungen, Zusammenhänge oder historische Zustände belegen und zur Illustration historischer Sachverhalte dienen. 

Das Stadtmuseum Hildburghausen verfügt seit dem 1999 erfolgten Ankauf der sogenannten Sammlung Meffert über einen riesigen Bestand historischer Fotografien, mit denen in der Vergangenheit bereits in zahlreichen Ausstellungen verschiedene Zeitabschnitte der Stadt- und Regionalgeschichte dargestellt wurden. Neben dem fotografischen Nachlass von Gustav (1867-1911) und Rudolf Meffert (1907-1987), welcher ca. 1.000 Glasplatten- und 80.000 Kleinbildnegative des Zeitraums 1895-1970 umfasst, wurden vom Museum auch umfangreiche Negativarchive der Fotografen Bernhard Großmann (*1942) und Rainer Lörtzing (* 1943) angekauft, mit deren Bildern auch die jüngere Stadtgeschichte bis in das 21. Jahrhundert dokumentiert werden kann.

Neben diesen sehr umfangreichen Negativsammlungen besitzt das Stadtmuseum Hildburghausen auch zahlreiche Aufnahmen von frühen Fotoateliers der Stadt (Hause & Hofbauer, Kallenbach, Eckhardt, Straube, Seizinger, Zinck) sowie diverse historische Fotoapparate und andere Fotografica. Sogar eine recht große Anzahl von sehr frühen Fotografien aus dem Zeitraum 1845-1870 (Daquerreotypien, Kalotypien, Ferrotypien usw.) gehören zum Bestand des Museums.

Die hier vorzustellende Aufnahme gelangte vor einiger Zeit als Schenkung in den Bestand des Museums. Nach Ausweis eines kleinen Stempels auf dem Rand der Fotografie stammt sie vom „Hofphotographen Ferdinand Zinck“. Dieser hatte ab Mai 1890 das einstige Fotoatelier von Hermann Straube in der Knappengasse übernommen und 1899 das Privileg „Herzoglicher Hofphotograph“ erhalten. Ab 1900 war sein Atelier in einem neuen Doppelhaus in der oberen Allee untergebracht. Dieses Gebäude war von dem Hildburghäuser Architekten und Bauunternehmer August Berger (1860-1947) errichtet worden, der auch einige anderen Gebäude auf der zu besprechenden Aufnahme entworfen hatte. Es könnte also durchaus sein, dass Berger der Auftraggeber für diese ungewöhnliche Stadtansicht gewesen ist. 

Das mit beschichteten Glasplatten aufgenommene Bild im ungewöhnlichen Panoramaformat hat eine Bildgröße von 43 x 14 cm. Bei genauem Hinsehen erkennt man, dass das Bild sorgfältig aus zwei ungefähr gleich großen Aufnahmen zusammengeklebt wurde. Als Hauptmotiv und wohl Anlass der Aufnahme sind die beiden großen, ebenfalls vom Architekten Berger um 1900 errichteten Mehrfamilienhäuser in der ehemaligen Gartenstraße (heute Gerbergasse) anzusprechen, welche in der linken Bildhälfte zu sehen sind. Ganz links ist noch die ebenfalls um 1900 von Berger errichtete „Villa Michaelis“ am Eingang der Rosengasse erkennbar. In der rechten Bildhälfte befindet sich im Vordergrund der Gebäudekomplex der einstigen Wiesenmühle, welche zum Zeitpunkt der Aufnahme eine Kistenfabrik mit Dampfsägewerk im Besitz des Ingenieurs Moritz Hentschel war. Über diesen Gebäuden ist der große Baukörper des im Jahre 1900 ebenfalls von Berger errichteten Hotels „Burghof“ von hinten erkennbar.  Am rechten Bildrand sehen wir noch die große Jugendstilvilla des Zeichenlehrers am Technikum Ludwig Eckardt, welcher später eine Möbelfabrik in der Wiesenstraße betrieb. Diese Villa wurde jedoch nicht von Berger, sondern von seinem Konkurrenten, dem Bauunternehmer August Leffler (1866-1944), im Jahre 1902 errichtet. Lefflers Schwester Martha war die Ehefrau Eckardts und die Villa soll angeblich das Hochzeitsgeschenk des Schwiegervaters gewesen sein. Nach den zu erkennenden Gebäuden lässt sich die Aufnahme auf ungefähr 1905 datieren.

Ungewöhnlich erscheint jedoch die Perspektive der Fotografie, welche von einem ziemlich erhöhten Standort aus getätigt worden sein muss. Da das Bild ungefähr im Bereich des einstigen Kehrwegs gemacht worden ist, es in diesem Bereich jedoch keinen so hohen Standort gibt, könnte die Aufnahme eventuell vom Dach oder aus einer Dachluke einer der damals dort noch vorhandenen Scheunen gemacht worden sein. Auch für Rudolf Meffert ist überliefert, dass er für Aufnahmen, welche einen erhöhten Standort erforderten, oft Leitern oder Dachluken genutzt hat.

Wer die interessante Fotografie einmal aus der Nähe betrachten möchte, hat noch bis zum 16. August die Gelegenheit dies in der aktuellen Sonderausstellung des Museums „geliehen – gefunden – geschenkt – gekauft – Neue Museumsstücke der letzten Jahre“ zu tun.