Objekt des Monats
Gemalte Mühlen-Romantik
„Bing. Bing“ erklingt es in der seit Ende September eröffneten Sonderausstellung „Mühlen sterben leise. Geschichte und Schicksal Hildburghäuser Mühlen“ im Stadtmuseum Hildburghausen. Es ist nicht die Glocke des Mahlganges mit Läutwerk, welche dem Müller signalisiert, dass er Getreide nachschütten muss.
Es ist der Uhrenschlag einer Bilderuhr. Ein dezenter, einzelner Schlag markiert die halbe Stunde, während zur vollen Stunde die Schläge der aktuellen Uhrzeit durch den Ausstellungsraum rufen.
Die Bilderuhr zeigt die Darstellung einer idealen Landschaft mit einer Schmiede im Vordergrund, einer Burgruine auf Felsen zentral in der Bildmitte, einer Turmruine auf einem grün bewachsenen Hang in der linken Bildhälfte und einer Mühle mit Wasserrad angetrieben von einem Bachlauf in der rechten Bildhälfte. Der Bachlauf schlängelt sich an Felsen entlang durch die grüne Landschaft aus dem Hintergrund des Bildes zur Schmiede in den Vordergrund. Der Himmel ist blau mit Quellwolken und vermittelt eine frühsommerliche Atmosphäre.
Das in dilettantischer Perspektive gemalte Ölgemälde ist auf einer 2 mm starken Eisenblechtafel aufgetragen. Um die Blechtafel als Bilduntergrund verwenden zu können, ist zuvor eine graue Ölgrundierung aufgetragen worden. Die starke Blechtafel war notwendig, um das Uhrwerk mit Pendel anzubringen. Auf dem in der Bildmitte platzierten Burgruinenturm mit Strohdach ist ein übergroßes Ziffernblatt (schwarz mit goldenen römischen Ziffern) aufgemalt. Für die rotierenden Uhrzeiger im Ziffernblatt ist mittig ein Loch in die Eisenblechtafel gebohrt worden. Unter der Burgruine ist in der aus dem Blech ausgeschnittenen Toröffnung das geschäftige Treiben in der Schmiede zu sehen. Rechts im Bild ist für das Wasserrad der Mühle eine Kreisform ausgeschnitten worden. Beim Stundenschlag schlägt der Schmied auf den Amboss und das Wasserrad dreht sich mechanisch. Dadurch bekommt das Gemälde eine fast dreidimensionale Wirkung. Eingerahmt ist das Gemälde in einen dunkelbraunen Holzrahmen, welcher mit der kunsthandwerklichen Relieftechnik Pastiglia-Ornamentik aufwendig ausgearbeitet ist. Wegen der runden Bauform des Uhrwerks und der Anzahl der Stundenschläge handelt es sich sehr wahrscheinlich um ein Pariser Uhrwerk.
Die Bilderuhr mit der Inventarnummer StMH 0.55 gehört zum Altbestand des Stadtmuseums und taucht zum ersten Mal im Inventar nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Anfang der 1950er Jahre verfasste Helga Rausch (geb. Rühle v. Lilienstern) ein neues Inventar des noch vorhandenen Kulturgutes. Ende des Zweiten Weltkrieges befand sich das Stadtmuseum im Historischen Rathaus der Stadt und wurde in den letzten Kriegstagen – wie auch das Schloss – beschossen und beschädigt. Dadurch wurden auch Teile der Sammlung beschädigt oder gingen völlig verloren. Leider kann das Stadtmuseum die Herkunft der Bilderuhr sowie den Zeitpunkt der Annahme nicht mehr
rekonstruieren.
Es ist leider unbekannt, wer die 50 x 71 cm große Bilderuhr, wann dem Museum übergab. Ein Ankauf kann so gut wie ausgeschlossen werden, da hierfür die Akten fast vollständig überliefert sind und sich hierzu keine Hinweise finden lassen. Wegen der angespannten Finanzlage bewilligte der Stadtrat Hildburghausen in den 1920er bis 1940er Jahren zudem nur gelegentlich Ankäufe für die Museumssammlung. Zum bereits 1903 vom Stadtchronisten Armin Human formulierten Sammlungsschwerpunkt des ein Jahr später gegründeten Museums gehörten Gegenstände wie „alte Bilder, wertvolle und historisch-merkwürdige Funde“ des Hildburghäuser Bürgertums. Vielleicht ist die Bilderuhr unter diesem Gesichtspunkt in die Sammlung des Stadtmuseum aufgenommen worden. Weil die Provenienz der Uhr fehlt und es keinen Verweis auf den Künstler oder den Uhrmacher am Werk gibt, ist eine genaue Datierung des Werks schwierig und nur die Motivwahl und die verwendete Technik geben Anhaltspunkte für eine ungefähre zeitliche Einordnung.
Bei dem vorliegenden Objekt mit dem Motiv einer romantischen Ideal-Landschaft könnte es sich um eine repräsentative Biedermeier-Bilderuhr aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts handeln.
Das Motiv einer romantischen Ideal-Landschaft mit Mühle, Natur und Burgruine ist eine typische Bildkomposition der Romantik. Mühlen waren in der Epoche der Romantik ein häufig gewähltes Motiv. Sowohl in der Malerei als auch in der Literatur und Musik wurden Mühlen als Orte der Sehnsucht, Einsamkeit und Naturverbundenheit dargestellt. Wegen ihrer oft einsamen Lage außerhalb von Ortschaften umgab Mühlen etwas Mythisches und Unheimliches. Zugleich stand die Mühle für die Verbundenheit von menschlicher Technik mit den Urkräften der Natur und eignete sich als Gegenentwurf zum modernen Fortschrittsglauben und zur aufkommenden Industrialisierung. Die Bilderuhr fand deshalb in der aktuellen Sonderausstellung einen Platz. Sie veranschaulich für das Thema „Mühlen-Romantik“, das neben den verschiedenen Hildburghäuser Mühlen als Ausstellungsthema präsentiert wird.
Es ist nicht ihr erster Auftritt in einer Sonderausstellung. In „Kunst aus dem Depot“ war sie zum ersten Mal zu bewundern. Die Uhr ist vor zwanzig Jahren aufwendig durch die Diplom-Restauratorin Christine Machate aus Erfurt restauriert worden. Die Instandsetzung des Uhrwerks erfolgte durch den bekannten Hildburghäuser Uhrmacher Herr Kunath aus der Unteren Marktstraße. Herr Kunath hat die aufwendigen Arbeiten damals kostenlos für das Museum ausgeführt. Er ersetzte das Pendulenwerk durch ein mechanisches Uhrwerk zum Aufziehen.
Die Bilderuhr erzählt zwar durch die fehlende Provenienz keine „Hildburghäuser Geschichte“, aber sie ist ein wunderschönes handwerkliches Objekt mit Liebe zum Detail.
Bis zum 27.01.2027 ist sie in der Sonderausstellung „Mühlen sterben leise. Geschichte und Schicksal Hildburghäuser Mühlen“ von Mittwoch bis Freitag sowie am Sonntag von 10.00 bis 17.00 Uhr zu sehen.
Alwine Glanz
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